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Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Letztes Kapitel

Mai 7, 2013

Liebe Leser,

Nun ist es soweit. Alles hat ein Ende, auch der Roman Annelore, der Guru und die Liebe. Hat jemand von euch ihn tatsächlich Tag für Tag mitgelesen? Hat er euch gefallen? Über eine Rückmeldung hier oder unter norbert@giesow.de würde ich mich freuen.

 

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen habe ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog angeboten.

59. Kapitel: Alles wird gut?

Einige Wochen später wohne und arbeite ich in Hamburg und das Großstadtleben gefällt mir so richtig gut. Der innere Integrationsprozess, der durch das Tantra-Seminar angeregt worden ist, hat sich stabilisiert und ich fühle mich gut. Im Zen heisst es, zuerst sind Bäume Bäume, Berge Berge und Felder Felder, dann kommt das Erwachen, die Erleuchtung, und Bäume sind keine Bäume mehr, Berge sind keine Berge mehr und Felder sind keine Felder mehr, sondern etwas anderes. Wenn die Prozesse der Erleuchtung integriert worden sind, was im Zen durchaus etliche Jahre dauern kann, dann sind Bäume wieder Bäume, Berge wieder Berge und Felder wieder Felder. Genau an diesem Punkt stehe ich jetzt. Die Bäume sind wieder Bäume für mich, eine Ampel ist eine Ampel und die Stapel von Büchern, die ich jeden Tag sortieren darf, sind einfach nur Bücher. Also, alles ganz normal, könnte man meinen, aber ganz so ist es dann doch wieder nicht. Denn in mir ist etwas verschwunden, was mich im Grunde lange genervt hat. Was verschwunden ist, ist dieser ewig nörgelnde und alles kritisierende Teil, manche Leute sagen auch Ego dazu. Lebe ich jetzt ohne Ich und ohne Identität? Nein, so ist das nicht. Ich weiß, wer ich bin, und wenn mich jemand Roman ruft, dann drehe ich mich auch um. Aber die Abtrennung ist fort. Oft ist da eine Leere in mir. Diese ist aber nicht angsteinflößend, sondern sie fühlt sich richtig an. Und dieser Zustand hindert mich an gar nichts. Ich lebe mein Leben so wie alle anderen auch und das fühlt sich genau richtig an.

Ungefähr vier Wochen später sind Hamburg, meine Wohnung und die Arbeit für mich viel vertrauter geworden. Hier und da schleicht sich schon die Routine ein, aber es geht mir gut dabei, denn nach den Aufregungen der letzten Zeit tut mir Ruhe schon ganz gut. Wenn mein Leben ein Fluss ist, dann fließt dieser nach den Stromschnellen ruhig dahin. So ist es auch an diesem Abend, an dem ich Spätschicht habe und bis neun Uhr am Abend in der Buchhandlung bin. Ich mag diese letzte Stunde, wenn sich nur noch wenige Kunden in den Laden verirren und ich die Gelegenheit habe, etwas aufzuräumen und mir dabei das eine oder andere neue Buch mal kurz ansehen kann. In diesem Moment verspüre ich ein Erzittern der Macht, zumindest würde es Luke Skywalker in Star Wars so ausdrücken. Ich drehe mich um und sehe eine hübsche junge Frau, die mir den Rücken zudreht. Ihr langes dunkelbraunes Haar fällt über ihren Rücken und als sie sich zu mir umdreht, erkenne ich, dass es Annelore ist. Ich lasse das Buch, das ich in der Hand halte, fallen. Es berührt den Tisch und fällt zu Boden, aber diesen Moment erfasse ich schon nicht mehr, denn ich bin auf dem Weg zu ihr. Wir fallen uns in die Arme, küssen uns und für lange Momente sind da nur Emotionen pur. Erst später auf dem Weg in meine Wohnung erzählt sie mir, dass sie zwei Wochen frei hat und diese gerne mit mir in Hamburg verbringen möchte. Was ich davon halte? Ich bin glücklich. In gewisser Weise gehören Annelore und ich zusammen. Wie lange das anhält? Was nach den zwei Wochen passiert? Ob ich jemals wieder Meetings abhalten werde? Ob ich den Guru wieder aufsuchen werde? Ob der Zustand des inneren Friedens in mir anhält? Das alles sind Fragen, die das Leben beantworten wird, zu seiner Zeit, aber nicht Jetzt!

 

ENDE

 

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 58

Mai 6, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

58. Kapitel: Alltag

Da bin ich nun wieder. Das Tantra-Seminar war interessant, aber hat es das für mich gebracht, was ich mir erhofft habe? Weder Max, der mich gleich anrief, noch mir selber kann ich diese Frage wirklich beantworten. Ich fühle mich eher ausgebrannt, als integriert. Mit diesem Gefühl gehe ich zur Arbeit. Wieder ist es ein gutes Gefühl, mich damit ablenken zu können. Außerdem tut es gut, etwas Greifbares für andere Menschen tun zu können. So vergeht die Woche nach dem Seminar. Das Wochenende verbringe ich wieder in Hannover bei meiner Schwester. Ich gehe viel spazieren und obwohl alles ganz normal ist, fast ein wenig langweilig, werde ich das Gefühl nicht los, dass in mir etwas im Gange ist. Dieses Gefühl ist mehr eine Vorahnung, die davon spricht, dass die äußere Ruhe nur die Stille vor dem Sturm ist. Vielleicht passt das Bild des Sturms nicht wirklich dazu, denn es ist mehr ein Prozess als eine Naturkatastrophe.

Als ich am Sonntag Abend aus Hannover nach Hause komme, finde ich ein längere Mail von Annelore vor. Auch sie fragt nach meinen Erfahrungen, vermisst mich und erzählt von ihrem Alltag in Frankreich. Gerne wäre ich jetzt bei ihr. Auch in Deutschland wird das Wetter allmählich besser und  ich gehe so manchen Nachmittag auf längere Wanderungen. An einem Tag bin ich besonders lange unterwegs und komme über eine Wiese auf dem Weg nach Hause, als die untergehende Sonne mir plötzlich genau ins Gesicht scheint. Ich bleibe stehen und sehe zu, wie sie langsam versinkt. Dabei werde ich ganz still. Jegliches Denken und Analysieren verstummt und all die Geräusche der Welt werden immer deutlicher. Die Trennung zwischen innen und außen hört auf. Die Geräusche und die Welt sind nun in mir. Es gibt kein Außen und kein Innen mehr, da ist nur Bewusstsein. Es ist wie aus einem langen Traum zu erwachen. Plötzlich ist offensichtlich, dass alles ein Traum ist und die Realität ist so überwältigend, dass all die aufregenden Momente des Traums verblassen, nicht standhalten können. Ich stehe als Roman auf der Wiese, aber gleichzeitig ist das gesamte Universum in mir.

Diesmal weicht die Erfahrung nicht von mir. Ich laufe mit einem Gefühl herum, für das ich unter Umständen weggesperrt werden könnte. Denn in der Regel ist es nicht normal, keine Trennung zwischen sich und anderen zu empfinden, den Unterschied zwischen innen und außen nicht zu kennen und sich zu fragen, ob da überhaupt noch jemand zu Hause ist.

In den folgenden Tagen habe ich das erste Mal seit langer Zeit wieder das Gefühl, innerlich heil und integriert zu sein. Ich arbeite und treffe mich mit den Freunden und führe ein normales Leben. Und doch merke ich, dass wieder etwas Neues ansteht. Die Flucht in die Kleinstadt nach dem Tod von Anna-Sophie war folgerichtig für mich gewesen, aber jetzt fühle ich, dass mir der Rahmen hier zu eng wird. Ich überlege, ob ich wieder nach Hannover gehen soll, aber da lauern zu viele Erinnerungen, also, warum nicht zurück nach Hamburg ziehen? Dort hatte ich im Grunde eine gute Zeit und eine Weile denke ich darüber nach.

An einem freien Tag fahre ich nach Hamburg und fühle mich dort gleich wohl. Ich besuche meine alte Buchhandlung und treffe dort Hannah, die sich sehr freut, mich zu sehen. Wir verabreden uns in ihrer Pause und erzählen uns, was in unseren Leben so passiert ist. Hannah hat jetzt einen Freund und scheint recht glücklich mit ihm zu sein. Sie fragt mich nach Annelore, meiner entzückenden französischen Freundin, wie sie sich ausdrückt. Ich antworte ausweichend, bin aber viel bestimmter, als ich sie frage, wie es mit einer erneuten Anstellung für mich in der Buchhandlung aussieht. Sie verspricht mir, mit dem Chef zu sprechen und sich dann bei mir zu melden.

Wieder zu Hause, gehe ich am Abend mit Max einen trinken und erzähle ihm von meinen Plänen. Er findet, dass es bei mir mal an der Zeit wäre, zur Ruhe zu kommen, denn es wäre schon auffällig, wie häufig ich in den letzten Monaten die Richtung meines Lebens gewechselt hätte. Aber er findet es gut, dass ich ihn diesmal in meine Pläne einweihe.

Am Abend darauf ruft mich Hannah an, sie hat ein Bewerbungsgespräch mit ihrem neuen Chef für mich arrangiert und meint, dass ich gute Chancen habe, eingestellt zu werden. Ich habe endlich wieder das Gefühl, dass sich mein Leben dahin bewegt, wo es sich für mich richtig anfühlt.

Das Gespräch in Hamburg läuft gut und ich bekomme eine Anstellung in der Hamburger Buchhandlung. Oftmals ist es im Leben so, dass wir gegen Mauern rennen, dass wir versuchen, Türen aufzudrücken, die sich nur nach Innen öffnen und manchmal gehen alle Türen für uns auf und wir haben so etwas wie einen Lauf. In der vergangenen Zeit habe ich oft gedacht, dass ich etwas Wesentliches verstanden habe und dass mir nichts und niemand dieses Verständnis wieder wegnehmen könne. Aber in einem Universum, das sich ständig bewegt und in dem es keinen wirklichen Ruhepunkt gibt, kann es so etwas gar nicht geben. Alles ist ständig im Fluss und jedes Anhalten, mag es noch so berechtigt sein, ist ein Rückschritt. Gut, manchmal müssen wir  zurücktreten, um überhaupt erkennen zu können, was sich um uns herum befindet, aber letztlich gibt es immer ein „weiter geht`s“. Und so geht es auch für mich weiter. Ich kündige meine Stelle im Altenheim, was letztlich niemanden wundert und gebe ebenso meine Wohnung auf. Am Wochenende bin ich mit Max in Hamburg und wir suchen mit Hilfe von Zeitungen, Stadtplan und dem Internet eine Bleibe für mich. Ja, ich sprach von den Türen, die sich öffnen und so scheint es, dass das Universum meinen Plan nach Hamburg zu gehen, unterstützen will, denn ich finde eine wirklich sehr nette kleine Wohnung nicht weit entfernt von der Buchhandlung. An diesem Abend lassen Max und ich es richtig krachen.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 57

Mai 3, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

57. Kapitel: Tantra

Dann ist es soweit, das von mir lang erwartete Wochenende in Köln steht kurz bevor. Ich reise schon am Freitag Nachmittag an, dann kann ich mir Köln in Ruhe ansehen und bin schon akklimatisiert, wenn das Seminar beginnt. Komisch, dass ich so voller Vorfreude bin, da ich ja in Indien war und mit Rahula und dem Swami vor echten erleuchteten Meistern gesessen habe. Außerdem habe ich selber Meetings veranstaltet, aber wie Max immer zu sagen pflegt, was interessiert dich dein Essen vom Vortag, wenn du jetzt hungrig bist. Die Welt, das Leben, ist immer jetzt frisch und neu. Es sind nur unsere mentalen Gewohnheitsmuster, die der Welt eine scheinbar bekannte Struktur überstülpen.

Mit dem Zug komme ich wie geplant am Freitag Nachmittag in Köln an. Der Bahnhof liegt dort sehr zentral und es sind nur wenige Schritte zum Rhein und zum Kölner Dom, der auch mir immer wieder imponiert. Mein Hotel liegt ganz in der Nähe, ist einfach, aber gemütlich, und nachdem ich mein Gepäck abgeladen habe, mache ich mich auf, um irgendwo ein leckeres Kölsch zu trinken. Köln kommt mir sehr lebendig vor, überall wieseln Leute herum, es gibt Legionen von netten Kneipen, tolle Geschäfte und sogar das Wetter spielt mit. Es ist angenehm warm und ich bin guter Laune. Noch einmal denke ich darüber nach, was ich bei diesem Seminar eigentlich erwarte. Es geht mir weniger darum, irgendwelche geheimen Praktiken zu erfahren, sondern vielmehr möchte ich einen Weg finden, die unterschiedlichen Aspekte meines Wesens miteinander zu verbinden. Ich bin sehr gespannt, ob das Seminar mir diese Möglichkeit eröffnen wird.

Am nächsten Morgen bin ich zeitig beim Frühstücksbüffet. Neben sich anschweigenden Paaren und einigen müde wirkenden Geschäftsleuten befindet sich dort auch eine Gruppe von jungen Leuten, die so aussehen und wirken, als hätten sie gar nicht geschlafen. All das berührt mich nicht wirklich, ich betrachte es und frühstücke in aller Ruhe. Kurz darauf mache ich mich zu Fuß zum Seminargebäude auf. Die Luft ist warm und ich bin weiterhin voller Vorfreude. Am Eingang durchlaufe ich das übliche Prozedere und bin dann in einem nett eingerichteten Raum. Es stehen Stühle in einem Halbkreis, auf denen sich erst zwei weitere Menschen befinden. Ich bin allerdings  auch recht früh gekommen. Es sind zwei Frauen, die sich aber nicht zusammen gesetzt haben. Eine von beiden ist schon etwas älter, die andere grüßt mich freundlich und sieht sehr nett aus. Mit der Zeit treffen immer mehr Menschen ein, es sind eindeutig mehr Frauen als Männer und es ist sehr gemischt. Eine der Frauen sieht ausnehmend gut aus und wird von den meisten Männern sehr viel angesehen. Dann kommt auch Dagmar, die Seminarleiterin, zu uns. Sie begrüßt uns, stellt sich kurz vor und macht dann einige Körperübungen mit uns. Ich vermute, damit wir etwas lockerer werden und sich die fühlbare Spannung im Raum etwas auflöst. Dann lässt sie uns im Raum herumgehen und Kontakt mit allen aufnehmen, denen wir begegnen. Manche der Menschen schauen mich sehr freundlich an, andere wirken verängstigt oder verstockt. Ich frage mich, ob diese Menschen wirklich so sind, wie ich sie sehe oder ob sie nur meine Projektionen auf sie widerspiegeln. Nun sollen wir weiter durch den Raum gehen, dabei aber unsere Augen geschlossen halten und alle Menschen, denen wir begegnen, mit sanften Berührungen begrüßen. Hier und da kommt es zu Kontakten, die herzlich, aber meistens eher zögerlich sind. Eine Frau will gar nicht mehr von mir ablassen und auch ich finde ihre Berührungen angenehm. Ich blinzele kurz mit den Augen und sehe, dass es die Frau ist, die mir schon am Anfang positiv aufgefallen ist. Dagmar gibt in diesem Moment das Signal zum anhalten und wir bleiben zusammen mit dem Partner, der sich gerade bei uns befindet. Mir ist das Recht. In der Folge führen wir etliche partnerschaftliche Körperübungen durch, indem wir uns beispielsweise Rücken an Rücken stellen und gemeinsam in die Knie gehen und uns wieder aufrichten. Diese Übungen lockern merklich die allgemeine Anspannung und tun dem Klima in der Gruppe gut. Es wird viel gelacht und gescherzt und ich finde es gut, das Dagmar die Gruppe in dieser Phase so laufen lässt. Dann setzen wir uns wieder in einen Kreis und Dagmar erzählt von den weiblichen und den männlichen Energien, die sich in den Paaren verkörpern, die sich aber auch in uns gibt. Letztlich, so sagt sie, ist die Paarung im Außen nur der Versuch, dort etwas zu leben, was im Inneren nicht gelingt. Sie spricht von der wahren Alchemie, in der es nicht wirklich darum geht, Blei in Gold zu verwandeln, sondern darum, die mystische Hochzeit in unserem Inneren zu vollziehen. Nur dann, wenn die Gegensätze in uns vereint sind, kann es zu einem wirklichen Erlebnis der Einheit kommen. Wir können dieser inneren Hochzeit allerdings dadurch näher kommen, indem wir uns im Außen mit dem Partner konfrontieren, indem wir durch den Spiegel des Anderen unsere Schatten erkennen. Diese Theorie lässt uns alle still werden und viele hängen nun wieder ihren Gedanken nach. Ich sehe auch einzelne zweifelnde Gesichter, die entweder nicht glauben, was Dagmar sagt, oder es nicht verstehen oder ganz andere Vorstellungen haben. Dagmar legt flotte Musik auf und fordert uns auf, vor der Mittagspause zu tanzen. Ich nutze diese Gelegenheit, um aus dem Kopf herauszukommen und den Körper wieder mehr zu fühlen. Dann ist Mittagspause, die ich hauptsächlich dazu nutze, etwas spazieren zu gehen.

Nach der Pause teilen wir uns wieder in Paare auf und machen so genannte dyadische Arbeit. Dabei sitzen sich die Partner gegenüber und für eine vorgegebene Zeiteinheit spricht nur einer der beiden über ein ebenso vorgegebenes Thema. Wir beginnen damit, dass wir dem anderen erzählen, wer wir sind. Nach dem Wechsel geht es darum, dem anderen zu sagen, wer er in unseren Augen ist. Es ist anstrengend, es auszuhalten, Dinge zu hören, mit denen man vielleicht nicht einverstanden ist, aber nichts dazu sagen zu dürfen. Diese dyadische Arbeit machen wir sehr lange und bei einigen der Teilnehmer fließen auch Tränen. Nach einer erneuten kurzen Pause geht es dann an die Körperarbeit. Wieder arbeiten wir mit wechselnden Partnern. Diesmal erkunden wir den anderen Körper mit unseren Händen. Wir spüren, wo wir welche Energie wahrnehmen. Ich bekomme immer wieder zu hören, dass es sehr angenehm ist, meine Hände zu spüren und nahezu immer finde ich Stellen, die verkrampft oder schmerzhaft sind. Meine Berührung scheint dann die Verkrampfungen und Schmerzen zu lösen oder zumindest zu lindern. Mit einer Gruppenübung beenden wir diesen ersten Tag. Ich bin nicht enttäuscht, denn es war bisher sehr interessant und ich habe einiges Neues gelernt, bin aber einer wie auch immer zu bewerkstelligenden inneren Vereinigung meiner Gegensätze nicht wirklich näher gekommen.

Ganz bewusst schließe ich mich keinem der anderen Teilnehmer an, sondern gehe allein eine Pizza essen und dann in mein Hotel. Dort denke ich nicht nach, sondern überlasse mich dem Fernsehprogramm. Schnell bin ich müde.

Am nächsten Morgen bin ich wieder mit der Erste, der sich im Seminarraum einfindet. Nach und nach trudeln alle anderen ein und es scheint, dass sich schon Freundschaften gebildet haben, denn manche setzen sich zueinander und reden vom letzten Abend. Mit dem Eintreffen von Dagmar verstummen alle Gespräche. Sie fasst noch einmal den gestrigen Tag zusammen und gibt uns einen Ausblick auf das, was uns heute erwartet. Wir beginnen mit gemeinsamen Körperübungen und ich habe das zweifelhafte Glück mit der sehr gut aussehenden jungen Frau arbeiten zu können. Wieder machen wir zuerst eher anstrengende Übungen, die dann immer sanfter werden. Wechselseitig massieren wir uns den Rücken. Anhand einer Schautafel zeigt uns Dagmar verschiedene Stellungen, die dem gemeinsamen Energiefluss dienen können. Sie gibt uns klar zu verstehen, dass es hierbei für uns nicht um Sexualität geht und dass wir die Grenzen des anderen zu akzeptieren haben. Sie empfiehlt uns aber dann doch diese Stellungen im angezogenen Zustand auszuprobieren und genau hin zu fühlen, was dabei mit uns passiert. Ich sehe einige neidische Blicke, da meine Partnerin nicht nur sehr attraktiv ist, sondern auch keine Skrupel zeigt, alle Stellungen auszuprobieren. Dabei wird mir schon sehr heiß, aber Susanne, so heißt sie, scheint sich daran nicht zu stören. Am Anfang macht mir das und meine Nervosität zu schaffen, mit der Zeit kann ich mich aber immer mehr auf mein Gefühl einlassen und es ist verblüffend, was ich dabei alles wahrnehmen kann. Ziemlich erfüllt gehen wir in die Mittagspause, die ich entgegen meiner bisherigen Praxis gerne mit Susanne verbringe. Erstaunt stelle ich fest, dass sie nicht nur hübsch, sondern auch sehr nett ist. Wir reden über Attraktivität und Susanne spricht darüber, dass sie nie sicher sein kann, dass sie nicht nur aufgrund ihres Aussehens geliebt wird. Es ist wie mit dem Geld. Wenn du Geld hast oder berühmt bist, weißt du auch nicht, ob dich die Menschen nicht nur wegen des Geldes oder deiner Berühmtheit lieben oder um deinetwegen. Genau das ist auch einer der Gründe, warum Susanne bei diesem Seminar mitmacht.

Am Nachmittag läutet Dagmar eine neue Runde ein. Jetzt kommt es zur Gruppenphase. Alle setzen wir uns im Kreis auf den Boden. Dagmar sagt zuerst gar nichts und lässt uns schweigen. Schweigen und Stille können wunderschön sein, vor allem beim Wandern in der Natur kann ich das total genießen, aber in dieser Situation bekommt das Schweigen beinahe etwas Bedrohliches. Man beäugt sich gegenseitig und immer wieder richten sich die Blicke auf Dagmar, ob sie nicht etwas unternehmen will, um die Situation zu entschärfen. Tatsächlich fordert sie uns auf, uns der Gruppe zu stellen, wenn in uns ein Thema aufkommen will. Zuerst bleibt es sehr still, dann meldet sich eine Frau, die mir bislang nicht aufgefallen ist. Sie beklagt sich jämmerlich darüber, dass sie keiner wahrnimmt. Auch auf diesen Ausbruch will zuerst keiner reagieren, dann wird es einem Mann, der rechts von mir sitzt, wohl zu bunt. Jedenfalls sagt er ihr in harschen Tönen, dass das ja wohl ihr Problem sei und sie sei daran selber schuld. Dagmar lässt den Mann sich vor die Frau setzen und beide sollen sich in die Augen sehen und das zum Ausdruck bringen, was bei ihnen gerade da ist. Der Mann schaut die Frau, wie ich finde, sehr aggressiv an und wiederholt seine Worte. Die Frau fängt daraufhin an noch stärker zu weinen, und durch diese Szene regt sich auch etwas in mir. Ich finde es ungerecht, wie der Mann auf sie reagiert hat und ehe ich mich versehe, habe ich meine Hand gehoben und sage, was ich denke. Dagmar lässt nun mich und den Mann sich gegenüber setzen. Der Mann schaut jetzt auch mich recht aggressiv an und das wundert mich, kann ich mich doch gar nicht erinnern, ihm etwas getan zu haben. Bevor ich ihm sagen kann, dass ich ihn sehr aggressiv finde, fängt er an, mich auf das Übelste zu beschimpfen. Menschen wie ich sind dafür verantwortlich, dass er sich so klein fühlt. Meine Arroganz ist für ihn der Inbegriff des bösen Deutschen und anderes mehr. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll und mein Blick zu Dagmar bewirkt, dass sich erst eine und dann eine zweite Frau vor mich setzen und auch die beiden fangen an, mich zu beschimpfen. Von Anfang an haben sie gemerkt, dass ich nur als Voyeur in dieser Gruppe dabei bin, ich wäre innerlich gar nicht beteiligt und habe mich aus allem rausgehalten, und das würde sie total an ihren Vater erinnern, der auch immer so war. Nun wird es mir zu bunt, ich fühle mich ungerecht behandelt und möchte gern aus der Situation fliehen. In diesem Moment setzt sich Dagmar zu mir und fragt mich, was das in mir auslösen würde. Dabei reibt sie mir über den Rücken und ich merke, dass Gefühle und körperlicher Schmerz in mir aufsteigen wollen. Immer noch sitzen einige aus der Gruppe vor mir und es gesellen sich sogar noch zwei weitere dazu, die alle mehr oder weniger auf mich einreden. Dann bricht etwas aus mir heraus, ich brülle sie an, mich in Frieden zu lassen und fange dann auch direkt an zu weinen. All der unterdrückte und abgespaltene Schmerz der letzten Wochen und Monate bricht sich jetzt seine Bahn. Ich weine und rede unverständliches Zeug und es dauert eine ganze Weile, bis mein Ausbruch verebbt. Das Verhalten der Menschen ändert sich, als sie meinen Schmerz erkennen. Viele kommen und geben mir Trost. Susanne hält mich im Arm und auch Dagmar bleibt an meiner Seite. In mir passiert etwas. Der Teil, den ich nun schon länger verdrängt und abgespalten habe, löst sich endlich und wird sichtbar. Es dauert eine ganze Weile, bis ich wieder sitzen kann. Dagmar lässt noch einmal Pause machen und danach sitze ich in der Runde, beteilige mich aber nicht mehr. Das Geschehen läuft wie ein Film vor mir ab und ich erkenne, dass ich hier zwar sitze, aber andererseits auch nicht. Es scheint, als wenn mein Ausbruch bei allen für eine gewisse Linderung ihrer Emotionen gesorgt hat, denn die Gruppensitzung verläuft bis zu ihrem Ende am Abend viel ruhiger und sanfter. Ich nehme das alles wie durch einen Schleier wahr und bin froh, als es dann endlich auch offiziell zu Ende geht. Nachdem ich nun allen gut bekannt bin, will sich auch jeder angemessen von mir verabschieden und nur Susanne begleitet mich. Wir essen noch etwas zusammen, sind dabei aber jeder für sich und sehr schweigsam. Schließlich will sie dann doch wissen, was mit mir passiert ist. Ich erzähle ihr von Anna-Sophie und davon, wie ich den Schmerz verdrängt und abgespalten habe, und dass ich selber dadurch in mir selbst abgespalten war.

<<Und jetzt habe ich den Schmerz wahrgenommen und nun kann wieder zusammen kommen, was zusammen gehört.>>, sage ich ihr. Aber glaube ich mir selber auch? Ich weiß es nicht und nur die Zukunft kann es zeigen. Ich verabschiede mich von Susanne und fahre nach Hause.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 56

Mai 2, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

56. Kapitel: Und nun?

Viel zu schnell bin ich wieder in Deutschland, bin ich wieder bei meiner Arbeit im Altenheim, bin ich wieder in meinem Leben angekommen. Der Besuch bei Annelore hat im Grunde nicht wirklich etwas für mich geklärt. Immer wieder erlebe ich den Widerspruch zwischen der Identifikation mit der Person Roman und dem größeren Bewusstsein, von dem zwar Roman auch ein Teil ist, das ihn aber übersteigt. Es scheint so zu sein, dass ich weder in dem einen noch in dem anderen Zustand auf Dauer leben kann und ich fühle mich etwas ratlos, wie es nun weitergehen soll. Ich tauche wieder  in meinen Alltag ein, und versuche aus gewohnten Abläufen und Routine eine Form der inneren Sicherheit zu entwickeln. Ab und zu maile ich mit Annelore. Es ist schön, dass wir an unserem  Kontakt festhalten. Gefühlt lädt mich meine Schwester jeden zweiten Tag ein, sie zu besuchen, aber ich scheue mich, nach Hannover zu fahren. Andererseits bin ich letztlich doch immer da hingegangen, wo es weh tut, habe mir den Schatten angesehen und auch jetzt will ich das nicht anders haben. Also sage ich zu, sie am nächsten Wochenende zu besuchen.

Tatsächlich ist es gar nicht spektakulär, wieder in Hannover zu sein. Auch daran erkenne ich, dass die wirkliche Realität innen ist und das Außen nur Anreize gibt und Dinge antickt. Emil ist ganz aus dem Häuschen, dass sein geliebter Onkel wieder da ist und es dauert eine ganze Weile, bis er mir alle seine neuen Schätze gezeigt hat. Ich setze mich zu ihm in sein Zimmer und wir bauen gemeinsam richtig coole Autos aus Lego. Immer, wenn ich ein besonders gutes Exemplar gebaut habe, nimmt er es mir weg und behauptet, das noch verbessern zu können, indem er hier und da noch etwas Neues anbringt. So haben wir beide richtig Spaß miteinander. Auch Hanna freut sich sehr, mich zu sehen. Da beide etwas vorhaben, bleibt mir ein wenig freie Zeit, die ich nutze, um die Buchhandlung von Monika zu besuchen. Monika freut sich auch aufrichtig, mich zu sehen und wir klönen ein wenig von den aufregenden, vergangenen Zeiten. Sie bietet mir nahezu sofort an, wieder etwas für mich zu organisieren, aber ich lehne dankend ab und sage ihr, dass für mich etwas anderes ansteht. Dann kommen Kunden und ich stöbere in den Regalen. Es erstaunt mich immer wieder, welch eine Fülle an Literatur zum Thema Selbstfindung und Spiritualität entstanden ist und schon nach ein paar Minuten entdecke ich Bücher, die ich nie gesehen habe und Themen, die mir wenig sagen. Monika hat auch eine Ecke, in der Leute Flyer auslegen können, wo es auch eine Pinnwand gibt, an der die neuesten Termine und Seminare angekündigt werden. Ein Flyer fällt mir besonders auf. Dort ist eine Frau mittleren Alters abgebildet, die für mich etwas Besonderes ausstrahlt. Sie bietet eine Form des zeitgenössischen Tantra an. Ich stecke den Flyer ein, verabschiede mich von Monika und gehe in das nächste nette Café, um den Flyer genauer zu studieren. Es geht in der Methode von ihr weniger um Sex, als mehr darum, unsere gegensätzlichen inneren Seiten zu verbinden. Sie spricht von der weiblichen und der männlichen Seite, die wie in der Außenwelt auch in unserer Innenwelt oft unverbunden sind und für Spannungen sorgen. Auch das spricht mich an. Bei Hanna gehe ich ins Internet und besuche ihre Homepage. Diese macht einen guten Eindruck und es gibt ein Gästebuch, in dem sich unterschiedliche Leute zu ihren Seminaren äußern. Ein Mann schreibt von seiner inneren Zerrissenheit, die er nirgendwo so deutlich gesehen hat wie bei Dagmar. Das beeindruckt mich. Dagmars Vita ist auch sehr interessant. Sie hat Tantra-Kurse bei einem Inder besucht, dann aber in der Folge ihr eigenes System entwickelt, das sie nun schon seit einigen Jahren anbietet. Ich ertappe mich plötzlich dabei, wie ich mich für ein Wochenendseminar in der Nähe von Köln online anmelde. Als ich die Anmeldung verbindlich abschicke, bekomme ich einen leichten Schreck, der aber gepaart ist mit großer Vorfreude. Hanna und Emil sind nicht wenig erstaunt, mich in so guter Laune vorzufinden. Ich stehe in der Küche und mache Pasta für uns alle. Beim Essen erzähle ich Hanna von meinem Entschluss, dieses Seminar zu besuchen und sie freut sich mit mir. Nur Emil versteht nicht, was Tantra ist, aber seine Autos aus Lego sind dann auch sehr schnell viel interessanter für ihn.

Später, wieder zu Hause, berichte ich auch Annelore davon. Sie kennt sich aus mit Tantra, hat mal in Frankreich selbst ein Seminar besucht und war davon angetan. In ihrer Mail kommt soviel Verständnis für mich und meine Lage rüber, so dass ich mich wieder sehr verbunden mit ihr fühle und wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, sie sogar vermisse. Häufig sehe ich ihr Lachen vor mir, den Schwung ihrer Haare oder ihre schönen Schultern. Dann denke ich, dass ich verrückt bin, denn erst stoße ich sie weg und nun sehne ich mich nach ihr. Zwiegespalten, uneins, innerlich zerrissen – genau das sind meine Gefühle. Und dann wieder eins, verbunden, glückselig. Ich besuche Max und erzähle ihm von meinen Gefühlen.

<<So eine Braut wie die Annelore hätte ich nicht von der Angel gelassen.>>, belehrt er mich.

<<Hast du nie Zweifel an dem, was du tust oder was du fühlst?>>, frage ich ihn.

Er zuckt mit den Schultern, antwortet dann aber doch.

<<Natürlich habe ich die. Ich denke, dass es jedem Menschen so geht. Allerdings sind die wenigsten so verbissen wie du.>>

<<Wo bin ich denn verbissen?>>, will ich von meinem Freund wissen.

<<Ja, du willst es ganz genau wissen. Du gibst dich nicht damit zufrieden, so einigermaßen klar zu kommen. Du gehst den extremen Weg. Viele Männer wären mit einer Beziehung, wie du sie zu Annelore hattest, total zufrieden gewesen. Aber du bist dir nicht ganz sicher, hinterfragst die Dinge, existenziell und wenn irgendetwas oder irgendwer deinen harten Kriterien nicht genügt, dann fliegt er, sie oder es raus.>>

Dies ist ein hartes, aber wie ich zugeben muss, auch wahres Statement von Max. Daraufhin weiß ich wenig zu sagen. Er öffnet wortlos zwei weitere Biere, legt eine alte CD von Soundgarden ein und die heftigen Gitarren und die unverwechselbare Stimme von Chris Cornell füllen sein Zimmer und auch bald unsere Köpfe.

<<Manchmal muss man einfach loslassen und es wummern lassen.>>, gibt er dann noch ein letztes Statement ab. Ich bestätige das nickend und bin froh, so einen Freund zu haben und ich bin ebenso froh, so ehrlich zu sein, dass ich der Wahrheit zumindest eine Chance gebe.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 55

Mai 1, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

55. Kapitel: Liebe

Ich finde tatsächlich Leute, die mich fast bis zu Annelore mitnehmen und schon bald stehe ich vor dem Haus. Es ist schon sehr spät, aber da ich in der Küche Licht sehe und auch sonst nicht weiß, was ich tun soll, klingele ich. Eine ganze Zeit lang passiert gar nichts. Dann öffnet sich die Tür und Annelore steht darin. Ich gehe auf sie zu, sie öffnet ihre Arme und eine halbe Ewigkeit stehen wir so Arm in Arm in der offenen Tür. Dann gehen wir hinein. Ich erzähle ihr, dass sich bei der Party etwas in mir gelöst hat und sie freut sich mit mir. In dieser Nacht finden wir kaum Schlaf, so aufgeregt sind wir beide, dass wir wieder zueinander gefunden haben.

Am nächsten Morgen erwachen wir als Liebende und mit diesem Gefühl leben wir die nächsten Tage, die gerade nach der schweren Zeit für mich zu den schönsten meines Lebens zählen. Wir denken wenig darüber nach, was aus uns werden wird oder was passiert, wenn ich wieder abfahren muss, sondern genießen unsere Zeit. Aber diese ist unerbittlich. Wenn wir wollen, dass sie schnell vergeht, wird sie langsam wie zäh fließender Klebstoff und wenn wir wollen, dass die Zeit sich verlangsamt, dann schießt sie davon wie ein Sportwagen. So ergeht es auch uns in dieser Zeit, allzu schnell ist der Tag vor meiner Abreise gekommen und nun ist es tatsächlich soweit, dass wir über uns sprechen müssen. Wir sorgen dafür, dass wir an diesem Abend allein sind. Ich kaufe eine gute Flasche Wein und gemeinsam kochen wir unser Abschiedsessen. Nachdem wir gegessen haben, sitzen wir mit unserem zweiten Glas Wein zusammen, genießen die Nähe des anderen und beginnen allmählich dieses schwierige Gespräch.

<<Ich bin nach den schwierigen Erfahrungen der letzten Zeit nicht bereit für eine feste Beziehung.>>, wage ich mich gleich zu Beginn aufs Glatteis, aber ich bin noch nicht fertig.

<<Trotzdem spüre ich Liebe für dich, aber mir wird wieder deutlicher, dass du zwar diese Liebe wach rufst, dass diese Liebe sich aber nicht wirklich auf eine Person beschränkt. So wie die Sonne auch nicht nur auf den einen oder anderen Menschen scheint, sondern unterschiedslos auf alle.>>

Nun greift Annelore ein.

<<Bist du nicht mit solchen Gedanken schon in der Vergangenheit gescheitert? Wo hat dich das hingebracht? Wäre es für dich nicht besser, mal ganz normal zu leben, und einfach eine Frau wie mich zu lieben? Und – vergiss nicht, dass uns viele Kilometer trennen, also so eng und ausschließlich kann unsere Beziehung ja gar nicht werden.>>

Genau das hatte ich mir auch schon gedacht, aber ich spüre in mir den starken Impuls, die Wahrheit zu leben und auszudrücken, auch wenn es unbequem wird. Und es ist nicht meine Wahrheit, dass ich die Dinge, die ich fühle, dahinter verstecke, dass ja die Fernbeziehung bestimmte Probleme von uns fern halten wird. Also versuche ich es ein weiteres Mal, ihr zu erklären, was in mir vorgeht. Ich spreche von unserer Zeit in Indien, wo mir klar geworden ist, dass die Person Roman nur eine Rolle in einem Stück ist. Ein Stück, das wir alle gemeinsam spielen und das sehr perfekt inszeniert ist. So perfekt ist dieses Stück inszeniert, dass wir alle gar nicht merken, dass es ein Stück ist, sondern es für die Wirklichkeit halten. Aber ab und zu wacht jemand auf und merkt, dass er nicht die Rolle, der Charakter, der Schauspieler, die Person ist, sondern etwas anderes. Mit diesem Prozess stirbt etwas und das ist der unzerbrechliche Glaube an die Person, an das eigene Ich. Auch wenn, wie in meinem Fall, schwierige Umstände und leidvolle Erfahrungen dafür gesorgt haben, dass ich den Glauben an meine Identität wieder aufgenommen habe. Aber es war immer klar, dass früher oder später die einmal erkannte Wahrheit sich wieder Raum verschaffen würde, und wenn du nicht mehr an die Person glaubst, kannst du nur schwer die Spiele um diese Person ernsthaft weiterspielen. Genau das ist das Problem, wo ich Schwierigkeiten habe, es Annelore zu erklären. Aber sie reagiert zuerst mit Vernunft und dann mit Verlustängsten. Sie hält mir vor, dass ich die Spiritualität dazu benutzen würde, mein Problem von Nähe und Distanz weg zu argumentieren. Dagegen wiederum lässt sich nur schwer etwas sagen, und so sitzen wir einander gegenüber und wissen nicht genau, wie es weitergehen soll. Ganz eindeutig fühle ich die Liebe, die trotz aller Gegensätze, zwischen uns fließt. Und doch sind wir wie gelähmt, können weder voran, noch zurück. Mir ist deutlich klar, dass ich Annelore liebe, aber mir ist genauso klar, dass diese personenbezogene Liebe nur ein Teilaspekt ist und dass es um sehr viel mehr geht. Je länger ich ihr gegenüber sitze, um so klarer und deutlicher wird mir, dass ich nicht die Person Roman bin, die um eine Lösung des Konflikts zwischen Nähe und Distanz ringt, sondern, dass ich auch der Raum bin, indem dieses Kammerspiel stattfindet. Diese Erkenntnis befreit mich, aber sie nimmt mir auch die Chance, eine persönlich erfüllende Liebesbeziehung mit Annelore leben zu können. Noch einmal mache ich den Versuch, es ihr zu erklären und diesmal reagiert sie anders als erwartet. Sie weint, nickt aber dabei und gibt mir zu verstehen, dass sie sehr wohl weiß, worüber ich rede und dass das die Wahrheit ist, die sie aber nicht sehen will. Es kämpfen in ihr das kleine Kind, das etwas haben möchte und nun Angst hat, dass es das nicht bekommt und die Erkenntnis, dass sie nicht dieses kleine Kind, dieses kleine Ich ist. Sie flüchtet sich in meine Arme und eine lange Zeit sitzen wir Arm in Arm und trösten uns in der Gegenwart des anderen.

Am nächsten Morgen reise ich ab. Es ist gleichermaßen der schlechteste und beste Moment dafür. Es gibt erneut Tränen, Küsse, Umarmungen und Versprechungen, die eingehalten werden oder auch nicht. Kurz darauf sitze ich im Zug nach Deutschland. Diesmal fahre ich die ganze Strecke mit dem Zug. Das gibt mir die Möglichkeit, in Ruhe über alles nachzudenken.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 54

April 30, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

54. Kapitel: Frankreich

Nach einer äußerst arbeitsreichen Woche habe ich nun ein paar Tage frei. Ich habe mich bei Annelore angemeldet und im Internet einen günstigen Flug ergattert. Von dort in Frankreich, wo ich landen werde, muss ich zwar noch über eine Stunde mit dem Zug fahren, aber insgesamt ist es so einfacher und billiger, als die ganze Strecke mit dem Zug zurückzulegen. Was nur unglaublich nervt, ist die strenge Kontrolle am Flughafen, auch wenn es zu unser aller Sicherheit ist. Und obwohl ich fliege, zieht es sich hin. Zuerst geht es nach Hamburg zum Flughafen. Netterweise fährt mich Max dorthin. Unser Gespräch im „Rest“ hat uns wieder sehr viel enger zusammen gebracht, und auf der Fahrt witzelt er darüber, dass ich ihm ja Annelore zuschustern könne, wenn ich sie nicht haben wolle. Mein Geisteszustand hat sich noch nicht stabilisiert. Das Gespräch mit Max hat mir zwar geholfen, trotzdem steigen immer wieder Bilder von Anna-Sophie auf und neulich habe ich sogar von ihr geträumt. Es ist ein richtiger Alptraum gewesen, in dem sie in einer Burg gefangen gehalten wurde und ich sie befreien wollte, was mir im Traum aber aus unterschiedlichsten Gründen nie gelang. Ich war schweißgebadet, als ich danach aufwachte. Inzwischen glaube ich nicht, dass der Traum aussagen sollte, dass Anna-Sophie in irgendeiner Zwischenwelt gefangen ist, sondern er reflektiert mehr meine eigenen Ängste darum. Nichtsdestotrotz ist das für mich ein klares Zeichen, dass ich mit dem Thema noch nicht durch bin. Andererseits fühle ich mich nicht mehr so konsequent in mir eingeschlossen und manchmal scheint sich der Raum zu öffnen, aber es ist nicht mehr so, wie nach meiner Rückkehr aus Indien. Interessant ist, dass ich weiterhin Einladungen zu Meetings bekomme und dass auch Britta und Monika aus Hannover ihre Bereitschaft bekundet haben, jederzeit wieder mit mir arbeiten zu wollen. Aber das kann ich mir im Moment so gar nicht vorstellen. Jetzt schaue ich in Richtung Frankreich und Annelore und dann wird man weitersehen. Max liefert mich am Flughafen ab, wir umarmen uns zum Abschied, und schon bald sitze ich im Wartebereich. Gerade auf Flug- und Zugreisen kann ich gut beobachten, wie alles aus sich heraus geschieht. Wie willenlos wird man von einem Ort zum anderen verschifft. Hier hat man sich anzustellen, dort zu warten, hier sitzt man eine Weile, dann wird man aufgerufen und trippelt wie die Lemminge zum Flugzeug, dort sitzt man bald wieder. Das Flugzeug hebt ab, fliegt und landet, man wird durch die Gepäckabfertigung und den Zoll gelotst. In dem Moment, wo ich die Schalterhalle des doch eher kleinen Flugplatzes in Südfrankreich betrete, habe ich das erste Mal wieder das Gefühl, selbst bestimmen zu können. Es ist angenehm warm, die Menschen sehen gut aus und ich höre an allen Ecken das vertraute Französisch. Ich gönne mir in klassischer Manie einen Milchkaffee und ein Croissant. Jetzt fühle ich mich in Frankreich. Ich wähle die Nummer von Annelore und sie ist sofort dran, so als hätte sie nur auf meinen Anruf gewartet, was ja auch richtig ist und sie überrascht mich positiv, indem sie sagt, dass sie mich abholen kommt. Sie fährt jetzt los und wird in ungefähr einer Stunde bei mir sein. Wieder einmal fügt sich alles zum Besten. Ich kaufe mir eine Zeitschrift, trinke noch einen Kaffee und warte auf ihr Erscheinen.

Fast spüre ich sie mehr, als dass ich sie sehe. Aber sie zu sehen, ist wieder einmal ein Erlebnis. Sie betritt den Flughafen und ich habe mich extra so hingesetzt, dass ich sehen kann, wenn jemand hereinkommt. Ihr Erscheinen ist fast wie ein Auftritt. Sie sieht einfach fantastisch aus. Sie trägt die Haare länger und offen und diese wehen hinter ihr her, als sie auf mich zuläuft. Sie ist modisch angezogen, trägt braune Stiefel, einen dunklen kurzen Rock mit einem breiten Gürtel und darüber eine weiße Bluse mit einer dunklen Strickjacke. Sie läuft auf mich zu, ich stehe auf und wir fallen uns in die Arme und das so dekorativ, dass die Menschen in unserer Umgebung das mitbekommen. Aber wir sind in Frankreich und dort liebt man das Ausleben und Zeigen von Gefühlen, und während ich sie in meinen Armen halte, ihren süßen Geruch einatme und ihre schönen Haare mein Gesicht kitzeln, kann ich den einen oder anderen Franzosen lächeln sehen, und einer von ihnen deutet sogar ein Klatschen an. Es tut gut, Annelore zu spüren und für einen wunderbaren Moment hält die Zeit an und Glück und Frieden sind da.

Sie fragt mich, ob wir los wollen und wir gehen zu ihrem Wagen. Wir haben viel miteinander zu reden und das Gespräch ist anregend und lustig. Annelore freut sich aufrichtig mich zu sehen und lacht viel. Schon jetzt ist mir klar, warum ich mich in sie verliebt hatte und ich erfreue mich an diesem Gefühl. Wir sind auf dem Weg zu Annelore`s Wohnung. Die Fahrt ist kurzweilig. Ich vermeide bewusst alle ernsten und traurigen Themen, ich will unser Wiedersehen nicht gleich damit belasten. Außerdem macht Annelore solch einen glücklichen Eindruck und das möchte ich nicht zerstören.

Sie wohnt weiterhin in der Wohngemeinschaft mit Maya und Virginie. Beide sind zu Hause und stürmen auf uns zu. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, denn plötzlich sind drei hübsche Frauen um mich, küssen mich auf die Wangen und reden französisch auf mich ein. Annelore macht dem ein Ende, indem sie Maya sagt, dass sie Kaffee kochen und Virginie, dass sie Brot holen soll. Schon bald darauf sitzen wir in der Küche, trinken Kaffee, essen Brot mit Marmelade und unterhalten uns. Später zeigt mir Annelore, wo ich schlafen kann, es gibt in der WG einen kleinen Raum, den sonst keiner nutzt und der als Abstellkammer dient. Dahin werde ich also abgestellt. Es ist etwas mühsam, das auf französisch zu erklären, aber als es gelungen ist, finden es alle lustig. Natürlich gibt es am Abend noch eine Party, zu der wir alle hingehen und zu der ich selbstverständlich auch eingeladen bin.

Am Abend ziehe ich also dann mit drei wunderschönen Frauen auf die Party. Die drei haben sich richtig ins Zeug gelegt und sich fantastisch zurecht gemacht, vor allem Annelore sieht zum Anbeißen aus, aber ich kann die ausgelassene Party-Stimmung nicht wirklich teilen. Ich gebe mir zwar Mühe, dass es nicht so offensichtlich ist, aber in mir laufen viele Prozesse ab und ich habe das Gefühl, dass ich gar nicht wirklich hier bin. Es ist so, als wenn es mehrere parallele Wirklichkeiten gibt und ich in allen präsent bin, doch meine Hauptenergie ist in einer anderen Realität und deswegen bleibt für diese nur wenig übrig. Annelore bekommt schon mit, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ein paarmal schaut sie zu mir rüber, und dabei lässt sie die Partymimik fallen und echte Gefühle zeigen sich auf ihrem schönen Gesicht, aber ich kann und will in dieser Situation nicht mit ihr darüber sprechen. Vor allem auch, weil ich gar nicht so genau weiß, was eigentlich passiert, ich merke nur, dass etwas passiert. Die Party ist laut, wild und vollgestopft mit Menschen. Maya und Virginie mischen sich sofort unters Volk, Annelore bleibt etwas unschlüssig bei mir stehen. Es läuft irgendeine verrückte französische Rap- oder Funkmusik, überall stehen Getränke und Aschenbecher. Der Schutz der Nichtraucher wird hier sehr klein geschrieben. In allen Räumen  wird getanzt. Ich sage zu Annelore, dass ich auf Toilette muss, gehe aber auf den Balkon. Auch hier stehen viele Leute rum, ich sage schüchtern hallo und werde gleich auf meinen Akzent angesprochen. Um das Gespräch davon wieder weg zu lenken, frage ich nach einer Zigarette. Ich habe zwar aufgehört, habe jetzt aber ein großes Verlangen nach einer Zigarette. Ein als Punk der alter Schule aufgemachter Typ bietet mir stattdessen einen Joint mit den Worten, <<Rauch man lieber das!>>, an.

Da kann ich nicht nein sagen und ziehe an dem Ding. Nahezu sofort bin ich total stoned. Die Gedanken, die mich eben noch beschäftigt haben, sind weg. Stattdessen bin ich ganz in der Gegenwart und nehme die Schönheit der Menschen um mich herum wahr, auch die Musik hat ihren Schrecken verloren und kommt mir jetzt sehr rhythmisch vor. Ich verlasse den Balkon, nehme mir ein Bier und tanze ein wenig. Ich habe dabei die Augen geschlossen und lasse mich von dem Beat und meinen Gefühlen leiten. Ich öffne die Augen und Maya tanzt direkt neben mir, ich lächele sie an, sie lächelt zurück. Später bin ich in der Küche, trinke ein weiteres Bier und beteilige mich am Gespräch über die Unterschiede der europäischen Völker in dieser modernen und verrückten neuen Zeit. Auch wenn mir oftmals die richtigen französischen Worte fehlen, hören mir viele Leute zu. Nach einiger Zeit flüchte ich aus der Küche, obwohl mich einige zurückhalten wollen. Ich trinke noch ein Bier und suche Annelore. Ich finde sie auf einer Tanzfläche. Ich schreie ihr zu, dass ich sie gesucht habe und sie schreit zurück, dass sie mich gesucht hat. Als ich zu ihr sage, dass wir uns ja jetzt gefunden haben, stoppt die Musik für einen Moment und meine Worte kommen lauter heraus, als ich das beabsichtigt habe. Daraufhin legt Annelore mir beide Arme um den Hals und küsst mich auf den Mund. Ich spüre Liebe und Verlangen und erwidere den Kuss. Wir stehen bestimmt einige Minuten mitten auf der Tanzfläche und küssen uns. Es ist wunderschön. Es ist genauso, wie es sein soll und dann kommen wieder Bilder in mir hoch, von Anna-Sophie und ihrem zerschmetterten Körper und abrupt löse ich mich aus der Umarmung. Ich stammele nur, dass ich das nicht kann und renne raus. Ich spüre mehr, als dass ich es höre, dass mir Annelore ein paar Schritte lang folgt, doch ich knalle die Tür hinter mir ins Schloss. Ich renne ohne Luft zu holen einige Minuten, dann halte ich an. Das Bier, der Joint, die Küsse, die Musik, alles in mir ist wie ein Brei, der in Aufruhr geraten ist. Ich hole tief Luft und allmählich beruhige ich mich. Etwas hat sich gelöst. Ich kann den Prozess zwar nicht überblicken, aber irgendetwas ist passiert. Ich spüre, wie sich der Komplex um den Unfall von Anna-Sophie gelöst hat, da ist jetzt wieder mehr Raum in mir. Ich weiß, dass diese Geschichte mich den Rest meines Lebens begleiten wird, aber sie wird mich nicht mehr einnehmen können. Ich bin tatsächlich frei, aber ich bin auch breit und mir ist kalt. Also gehe ich zur Party zurück, Annelore ist aber schon gegangen. Ich setze mich an die Tanzfläche, trinke ein Wasser und lasse alles an mir vorüberziehen. Es geht mir gut. Natürlich ist es sehr schade, dass Annelore nicht mehr da ist, aber ich werde schon einen Weg finden, zu ihr zu kommen und dann wird man sehen, wie es weitergeht.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 53

April 29, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

53. Kapitel: Soll ich oder soll ich nicht?

Am Abend maile ich mit Annelore und erzähle ihr von meinen Erlebnissen mit Rahula. Sie ist begeistert, freut sich für mich und schlägt mir erneut vor, sie in Frankreich besuchen zu kommen. Da ich aber noch nicht so lange wieder arbeite, kann ich keinen Urlaub nehmen, merke aber, dass ich mir nach dem Abend mit Rahula eine Reise nach Frankreich gut vorstellen kann. Am späteren Abend höre ich Musik von David Sylvian und denke konkret darüber nach, wie es wäre, Annelore in Frankreich zu besuchen. Soll ich oder soll ich nicht fahren? Das ist hier die Frage.

Am nächsten Tag treffe ich meine Chefin auf dem Weg zur Arbeit. Wir gehen ein Stück gemeinsam und reden miteinander. Ich frage sie, ob es möglich ist, dass ich ein paar Tage voll arbeite und dann ein paar Tage frei mache, da ich gern meine Freundin in Frankreich besuchen möchte. Sie verspricht mir, darüber nachzudenken und später, kurz vor Feierabend, bittet sie mich in ihr Büro und bejaht meinen Vorschlag. Passt ihr ganz gut, sagt sie, da sie nächste Woche eher unterbesetzt und die Woche darauf eher wieder überbesetzt sind. Dann steht meinen Reiseplänen ja nichts mehr im Weg. Außer meinen Gedanken natürlich, denn ich bin über Anna-Sophie noch nicht hinweg, und wenn ich zu Annelore fahre, dann ist es leicht möglich, dass zwischen uns etwas läuft und das empfinde ich als Betrug an Anna-Sophie. Andererseits möchte ich Annelore gern wiedersehen und will mich nicht künstlich blockieren. So bin ich hin und hergerissen und weiß nicht recht weiter. Also rufe ich Max an und frage ihn, ob er am Abend Zeit für mich hat.

Wir treffen uns in seinem Stammlokal, dem „Rest“. Rest ist tatsächlich ein merkwürdiger Name für eine Kneipe und die Geschichte dazu ist so: Als die Vorbesitzer pleite waren, hatte Hotte den Laden übernommen, da aber ein Teil des Inventars schon weg war, hat er den Laden dann den „Rest“ genannt und so sieht es dort auch aus. Aber man kann dort in Ruhe sitzen, günstiges Bier trinken und Musik aus den siebziger Jahren hören. Als ich ankomme, ist Max schon da, sitzt am Tresen und schnackt mit Hotte. Wir umarmen uns etwas unbeholfen zur Begrüßung, denn unsere Freundschaft ist noch nicht wieder das, was sie früher war. Nach ein paar Sätzen zur Einleitung komme ich relativ schnell auf den Punkt.

<<Max, ich muss mal mit jemanden reden.>>, beginne ich das Gespräch. Max lässt mich meinen nächsten Satz gar nicht erst anfangen und kommt selber mit einem Thema.

<<Interessant, dass du mich jetzt wieder um Rat fragst. Als großer Guru hattest du das ja wohl nicht nötig!>>, sagt er und ich erkenne, wie tief verletzt er sein muss, denn Max ist im Grunde ein pflegeleichter Freund, den nichts so schnell aus der Bahn wirft, der einem wenig übel nimmt und nie beleidigt ist. Ich zucke mit den Augenbrauen und weiß nicht recht, was ich sagen soll.

<<Mensch Roman, du bist mein bester Freund. Ich kenne dich, seit du ein kleiner Junge warst und ja, du warst immer irgendwie merkwürdig. Du hast da Fragen gestellt, wo keiner Antworten hatte. Und ja, unsere Gespräche waren mir oft zu hoch, ich konnte dir da oft nicht folgen, aber es hat mich auch bereichert.>>

Ich unterbreche ihn an dieser Stelle und sage: <<Max, nun lass mal die Kirche im Dorf….>>

<<Nee, das muss jetzt auch mal gesagt werden.>>

Ich will ihn wieder unterbrechen, aber er nimmt meinen Arm, wie, um mir auch körperlich zu demonstrieren, dass er jetzt dran ist. Doch er wird unterbrochen, denn wir bekommen die nächsten Biere und immer wieder kommen Leute in den Laden und latschen an uns vorbei. Max kennt die meisten und viele bleiben stehen, um kurz mit ihm oder uns zu quatschen, dann nimmt er den Gesprächsfaden wieder auf, als wäre nichts gewesen.

<<Roman, wenn du eine Band hast, dann ziehen alle am gleichen Strang. Man probt gemeinsam, versucht sich musikalisch zu verbessern und vielleicht hat man dann hier und da einen kleinen Auftritt. Das funktioniert solange gut, wie alle Mitglieder der Band ungefähr gleich gut sind. Wenn sich aber herausstellt, dass einer einfach mehr Talent hat, zu Höherem berufen ist, dann ist das Schicksal der Band besiegelt. Du bist so jemand mit einem besonderen Talent. Das warst du schon immer, da kannst du fragen, wen du willst. Und für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis du aufwachst und etwas daraus machst.>>

Hier macht er eine Pause, um einen kräftigen Schluck aus seinem Glas zu trinken. Ich hüte mich, schon jetzt etwas dazu zu sagen. Hotte legt „Free“ auf und der alte Gassenhauer „Allright now“ fegt durch die Kneipe. Hier und da singen einige mit, Max trommelt den Rhythmus mit seiner Bierflasche auf dem Tresen mit, wendet sich dann wieder mir zu und fährt fort:

<<Als du nach Frankreich, nach Hamburg, nach Indien und schließlich nach Hannover gegangen bist, war das für mich nur folgerichtig. Endlich, habe ich gedacht, und wenn du dich gemeldet hättest, wäre ich auch mal zu einem deiner Vorträge gekommen.>>

Ich verbessere ihn an dieser Stelle nicht, frage mich beim Zuhören aber selber, warum ich mich eigentlich nicht bei ihm oder den anderen gemeldet habe. Die einfache, wie auch verstörende Antwort ist, dass ich nicht daran gedacht habe. Ich war so vollständig in der Gegenwart, dass die Vergangenheit nicht nur nicht für mich existierte, sondern sogar die Vorstellung einer Vergangenheit  nicht vorhanden war. Aber auch das sage ich nicht, sondern lasse Max seinen Monolog zu Ende bringen.

<<Mensch, ich war immer über dich und deine Aktivitäten informiert. Ich habe sogar Annelore gemailt und war geschockt, dass ihr euch in Indien getrennt habt. Im Internet habe ich deine Sachen verfolgt und war stolz darauf, dass mein Freund es so weit gebracht hat, auch wenn ich von dem Zeugs, was du da gemacht hast, nichts verstehe. Als ich dann ein Foto von dir und Anna-Sophie gesehen habe, dachte ich, ja, jetzt hat er es geschafft, er sieht glücklich aus. Was dann passiert ist, tut mir leid für dich, aber nun bist du da und willst meinen Rat. Gut. Ich stehe dir zur Verfügung, nur, das musste ich mal loswerden.>>

Ich bin gerührt und verlegen gleichermaßen. Wieder geht mir der Ausspruch des Buddha durch den Kopf, in dem er die Wichtigkeit edler Freundschaft betont.

<<Danke Max, das bedeutet mir viel, was du gesagt hast.>>, sage ich, wir schauen uns einen Moment lang an, nehmen dann wie abgesprochen unser Bier, stoßen an… <<auf die Freundschaft!>>, und für einen Moment ist Stille. Auch die Musik hört für einen Moment lang auf und ich spüre die Verbundenheit zwischen Max und mir, zwischen den Menschen in der Kneipe und mir und bin eins mit allem. Der Moment vergeht, die Musik setzt mit einem Deep Purple Kracher wieder ein und Max fragt mich, was ich denn ursprünglich eigentlich von ihm wissen wollte.

<<Bevor ich zu meinem endlosen Monolog angesetzt habe.>>, scherzt er.

Ich besinne mich und erzähle ihm von meinem Konflikt mit der Reise nach Frankreich. Ich setze ihm auseinander, dass ich einerseits Annelore gern wiedersehen möchte, dass ich aber auch das Gefühl habe, Anna-Sophie zu verraten. Nachdem ich ihm die ganze Geschichte erzählt habe, verblüfft mich Max erneut, indem er sagt:

<<Predigst du nicht immer, dass wir im Jetzt leben und zu den Gefühlen stehen sollen, die eben jetzt da sind. Fahr doch hin und dann siehst du vor Ort, was wirklich wirklich ist.>>, sagt er und grinst.

<<Na, bin ich ein guter Schüler?>>, setzt er noch nach und ich erwidere:

<<Ein besserer als der Lehrer selbst.>>

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 52

April 26, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

52. Kapitel: Eine bedeutsame Begegnung

So wie der Herbst voranschreitet, wachse ich in mein neues und gleichzeitig altes Leben hinein. Den halben Tag arbeite ich im Heim, die andere Hälfte habe ich frei. Ich lese viel, gehe spazieren und lasse es zu, dass die Wunden allmählich heilen. Ich schreibe regelmäßig mit Annelore und unsere Mails sind mir jeden Abend wieder eine große Freude. Sie konzentriert sich auf ihr Studium und lädt mich jeden zweiten Abend zu sich nach Frankreich ein. Ich besuche jetzt regelmäßig meine Eltern, und selbst mein Vater lässt sich ab und zu dazu herab, sich mit uns an den Tisch zu setzen und dem Gespräch zuzuhören, was meine Mutter und ich bestreiten. Am letzten Wochenende bin ich das erste Mal wieder in Hannover. Ich bin ganz bewusst an all die Stellen gegangen, die mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Ich habe meine alte Wohnung und Brittas Buchhandlung besucht. Sie hat sich sehr gefreut und mich erneut zu ihrem spirituellen Gesprächskreis eingeladen, was ich aber abgelehnt habe. Ja, und ich bin an der Unfallstelle gewesen. Das ist ein schwerer Gang für mich gewesen und ich war ganz zittrig danach. In einem Café in der Nähe habe ich einen Kaffee und zur Beruhigung einen Cognac getrunken, dann habe ich mich soweit gefasst, dass ich zu Hanna und Emil gehen konnte. Hanna hat mir sofort angesehen, dass ich mit meiner Vergangenheit zu tun habe und hat vorgeschlagen, dass wir drei in den Zoo gehen sollten. Natürlich ist es dort sehr voll gewesen, so dass wir kaum die begehrtesten Tiere zu sehen bekommen haben, aber Emil hat sich nach vorne gedrängelt und hat hinterher davon berichtet, wie aufregend Löwe, Elefant und Krokodil gewesen sind. Dieser Ausflug hat absolut seinen Zweck erfüllt, denn er hat mich abgelenkt, mich auf andere Gedanken gebracht. So kann ich den Besuch in Hannover als Erfolg und als einen weiteren Schritt auf dem Weg zur inneren Genesung verbuchen. Auf dem Rückweg habe ich ein Plakat mit der Information gesehen, dass Rahula wieder unterwegs ist. Auch ein Termin in Hamburg ist dabei, den ich mir gleich gemerkt habe.

Nun zurück zu Hause, denke ich darüber nach, nächste Woche nach Hamburg zu fahren und Rahula zu begegnen. Die Begegnung mit ihm hat damals so einiges in Gang gebracht, vielleicht kann seine Präsenz mir helfen, noch mehr zu mir zu finden, denn eine Sache hat sich seit dem Unfall nicht geändert oder verbessert. Immer noch fühle ich mich von der Quelle abgeschnitten, habe das Gefühl, in mir eingesperrt zu sein, aber im Gegensatz zu vielen anderen, die von diesen Dingen so gar nichts wissen, kann ich mich gut an das Gefühl erinnern, verbunden zu sein.

Wieder zeigt sich das Phänomen im Leben, dass alles in Zyklen und Kreisen verläuft. Mit der Begegnung mit Rahula sind viele wichtige Dinge in meinem Leben in Gang gebracht worden und jetzt steht ein weiteres Treffen mit ihm bevor. Ich bin aufgeregt, aber auf eine andere Weise als damals. Mit dieser Begegnung erhoffe ich mir Aufschluss darüber, ob der Zustand der Trennung so bleiben wird oder ob seine Präsenz dafür sorgen kann, dass eine neue Verbindung wiederhergestellt wird. Vielleicht ist Rahula einmal mehr ein Bote, ein Botschafter des Göttlichen und kann hoffentlich in meinem Fall als Katalysator wirken. Dementsprechend nervös bin ich, als ich in Hamburg den Raum betrete. Ich sehe, dass mich der eine oder andere erkennt und mancher winkt mir sogar freundlich zu. Trotzdem oder gerade deswegen bin ich froh, als ich einen Platz finde und mich setzen kann und ein wenig in der Anonymität der Menge verschwinde. Dann beginnt wieder das so heilsame Warten darauf, dass der Meister erscheint. Bei uns im Westen kennen wir das so wertvolle Verhältnis vom Schüler zum Meister, zum Guru nicht. Das kommt in unseren religiösen Wurzeln nicht vor und wird deswegen häufig sehr misstrauisch beäugt. Guru heißt wörtlich übersetzt, der, der die Dunkelheit vertreibt. Mit Dunkelheit ist hier die innere Dunkelheit gemeint, die uns davon abhält, unsere wahre Natur der Göttlichkeit zu erkennen. Stattdessen glauben wir, dass wir die Person, dass wir der Körper sind und aus diesem Irrglauben heraus entstehen alle möglichen Ängste, von denen die Angst vor dem Tod die größte ist. Unglaublich viele Dinge werden nur aus dem Grund unternommen, um die Angst vor dem Tod zu verdrängen oder um möglichst viel aus dem Leben herauszuholen, bevor es zu Ende ist. Dabei sind wir nicht der Körper und wir sind auch nicht die Person, die den Körper bewohnt, wir sind grenzenloses Bewusstsein und für uns gibt es keinen Tod. Ich hatte das große Glück, diese Erfahrung machen zu können und damit war auch die Angst vor dem Tod und alles, was damit zusammenhängt, zu Ende. Doch nun fühle ich mich wieder in mir eingeschlossen und zum Spaß habe ich neulich sogar gesagt, dass ich nur Körper bin. Doch damit habe ich die Verkapselung, in die ich durch das traumatische Erlebnis um den Tod von Anna-Sophie gekommen bin, nur humorvoll oder zynisch verpackt. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, als ich darauf warte, dass Rahula erscheint. Neben mir sitzt eine Frau, die tief versunken erscheint und wieder einmal wird mir klar, dass wir nicht in andere Menschen hineinsehen können. Ich gehe jetzt zwar davon aus, dass sie tief versunken ist und dabei wunderbare Seinszustände erlebt, aber das ist im Grunde nichts anderes als eine Projektion von mir, denn vielleicht ist sie von tiefsten depressiven Gedanken geplagt und sieht nur so versunken aus. Mit dem Verklingen dieses Gedanken bemerke ich, dass ein Raunen und ein Rücken durch den Raum geht und das ist meistens ein Zeichen dafür, dass etwas geschieht und das kann in diesem Fall nur bedeuten, dass Rahula den Raum betreten hat. Und so ist es auch. Wie immer verbeugen wir uns vor ihm und er sich vor uns. Er sagt, dass wir damit das Göttliche in ihm ehren und er das Göttliche in uns. Ich bemerke, dass ich darauf warte, dass irgendetwas Besonderes in mir geschieht, aber dieses Warten blockiert alles, was geschehen könnte. So ist es sicherlich vielen Menschen in meinen Meetings ergangen. Auch sie haben beobachtet, wie ihre Nachbarn tolle Gefühle erlebten und fragten sich dabei, was mit ihnen verkehrt ist, dass es ihnen nicht so ergeht.

Rahula setzt sich und es beginnt eine Phase der Stille. Auch in der Stille schaffe ich es, weiter zu denken. In den alten Schriften, den Veden und ähnlichen, steht, dass Trennung eine Illusion ist und dass alles Bewusstsein ist. Manch einer geht aber noch weiter und sagt, dass da letztlich nur die Stille ist. Eine Stille, die in sich potentiell alles enthält. Davon bin ich im Moment weit entfernt, denn philosophische Gedanken wechseln sich mit Überlegungen zu meinem Alltag ab. Tatsächlich ist da Stille, aber diese ist für mich nur im Außen, innen ist da eher Fülle. So bin ich ganz erleichtert, als Rahula diese Phase beendet und anfängt zu sprechen. Wie ich es schon so oft erlebt habe, scheint er genau meine Problematik anzusprechen, denn sein Thema ist der Wechsel zwischen Erwachen und Schlafen. Ähnlich wie der Normalbürger es Tag für Tag erlebt, so sagt Rahula, dass sich wache Phasen mit Schlaf und Traum abwechseln, so ist es für viele auch in ihren inneren  Prozessen. Man macht eine Erkenntnis und freut sich und denkt, jetzt habe ich es, und dann passiert etwas und die tolle Erkenntnis verschwindet wieder dahin, woher sie gekommen war. Ich nicke lebhaft mit dem Kopf und bin jetzt sehr gespannt, was er als nächstes sagen wird.

<<Und>>, so holt er aus, <<ist das schlecht, dass es so ist? Nein, denn ebenso wie der Wechsel von Wachzustand und Schlaf gewollt und gesund ist, ist auch hier der Wechsel zwischen Momenten der höheren Einsichten und welchen scheinbar größerer Verblendung so gewollt. <<Denn>>, hier macht er eine Pause und sieht einige Menschen für längere Momente still an. <<denn, wenn es nicht so von der Schöpfung, von Gott, vom Kosmos, gewollt wäre, dann wäre es nicht so. Das Ego ist also nicht verantwortlich, dass wir auch im Leben wieder einschlafen, statt immer wach zu sein, sondern das Ego kommt ins Spiel, weil es das, was ist, ablehnt. Immer, wenn wir etwas ablehnen, machen wir uns zu weniger, als wir sein könnten und das, was wir ablehnen, sind wir ja auch und so spalten wir uns und sind daher selbst für die Trennung verantwortlich, unter der wir dann so leiden.>>

Wieder macht Rahula eine längere Pause und sieht diesmal auch mich an, es durchfährt mich dabei, als wenn sich ein Laserstrahl durch all meine Schichten, Gefühle und Gedanken bohrt und erst da zu stehen kommt, wo ich nicht mehr bin. Aber er ist noch nicht fertig, es gibt noch mehr zu sagen.

<<Ja und was können wir jetzt tun? Wir können uns, unser Leben und all die darin befindlichen Prozesse annehmen und sogar lieben.>>

Da regt sich Protest in mir. Ich soll lieben, was mit Anna-Sophie passiert ist, ich soll meinen Absturz annehmen. Alles mit der spirituellen Paste des alles-ist-gut-so-wie-es-ist zudecken. Das kann ich nicht und das will ich auch nicht. Ich ich ich. Ich werde noch verrückt. Aber Rahula ist immer noch nicht fertig.

<<Liebe ist die größte Kraft im Universum, sie ist das Universum. Letztlich sind wir alle nichts anderes als individuelle Ausformungen der Liebe und es ist die größte denkbare Ironie, dass es Menschen gibt, die auf der Suche nach Liebe sind. Das ist dann wirklich so ähnlich wie der Fisch, der das Wasser sucht und jeden, den er auf seiner Suche trifft, sagt ihm, es umgibt dich, du befindest dich genau darinnen. Du musst das Wasser nicht suchen. Wir müssen die Liebe nicht suchen, wir sind Liebe, wir sind von ihr umgeben und durchdrungen. Deshalb gilt es immer wieder dahin zurückzukehren und sich der Liebe zuzuwenden. Alles andere ist nur Verblendung.>>

Damit schließt Rahula seinen wirklich inspirierenden kleinen Vortrag und steht für Fragen zur Verfügung. Freundlich lächelnd fordert er uns auf, davon Gebrauch zu machen. Eine mittelalte Frau steht auf, lässt sich das Mikrophon reichen und erzählt, dass ihre kleine Tochter vor drei Jahren an Leukämie gestorben ist. Niemand konnte etwas machen, trotz intensiver und schmerzhafter Behandlung im Krankenhaus ist sie schließlich gestorben. Sie war ihr einziges Kind, und ihr Mann hat das alles nicht verkraftet und sie schlussendlich verlassen, und nun ist sie ganz allein. Sie versteht nicht, warum das Göttliche sich an solchen grausamen Geschichten freut und wie sie das bitte schön lieben soll. Wieder bin ich verblüfft, weil das im Prinzip genau meine Frage ist. Eine Woge von Traurigkeit und Mitgefühl schwappt durch die Menge und ich sehe einige, die sich verstohlen oder ganz offen die Tränen aus dem Gesicht wischen. Ich bin einfach nur gespannt, was Rahula darauf antwortet. Er hört der Frau genau zu, ist ihr zugewandt und lässt sie dann zu sich nach vorne bringen. Dort streicht er ihr mit seiner Hand mehrfach über Schultern und Rücken, worauf die Frau anfängt zu weinen. Er lässt sie, legt ihr, als sie sich etwas beruhigt hat, die Hand auf dem Kopf und lässt sie da eine ganze Weile liegen.

<<Nicht immer sind Worte hilfreich. Oft ist es wichtiger, dass wir für den anderen da sind und ihm auch körperlich zeigen, dass wir für ihn da sind. Wenn der Schmerz zu stark ist, können wir oft Erkenntnisse nicht zulassen, lehnen diese sogar als herzlos ab. Später können wir erkennen, welches Geschenk wir durch diese traumatischen Erlebnisse eigentlich bekommen haben. Denn sie helfen uns zu erkennen, wer wir wirklich sind. Auch, wenn es hart klingt, brauchen manche von uns einen etwas lauteren Weckruf. Aber versteht mich nicht falsch, das soll kein Argument gegen Mitgefühl sein, ganz im Gegenteil.>>

Bei diesen Worten von Rahula passiert etwas in mir. Als er Weckruf erwähnt, spüre ich, wie sich eine Verkrampfung, ein Klammern, in mir löst, das etwas los lässt. Der Raum öffnet sich wieder etwas mehr und ich fühle mich sofort nicht mehr so eingesperrt, so isoliert. Während der weiteren Fragen schaut mich Rahula ein weiteres Mal direkt an und ich lächele ihn an und nicke ihm zu und er nickt zurück. Der Abend endet für mich sehr viel positiver, als er begonnen hat und ich bin sehr froh, dass ich da gewesen bin.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 51

April 25, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

51. Kapitel: Zurück auf Start

Viele Menschen würden es als Niederlage sehen, wenn sie in ihre Heimatstadt zurückkehren und den Job wieder übernehmen müssten, den sie für etwas besseres aufgegeben hatten. Mir geht es nicht so. Als ich zurückkomme, habe ich eher das Gefühl, nach langer Krankheit eine Kur anzutreten. Meine paar Sachen habe ich schnell in meiner Wohnung verstaut, die Vorstellung bei der Altenpflegestelle ist problemlos, da ich noch viele dort kenne. Ich rufe Max an. Nach meinem Wegzug mit Annelore hatten wir nur wenig Kontakt, trotzdem freut er sich sehr, als ich mich bei ihm melde und ihm sage, dass ich wieder da bin. Er organisiert für den Abend einen Kneipenbummel mit ein paar alten Freunden. Es ist lustig und heilsam, die alten Kumpanen wieder zu treffen und zuerst, als wir noch nüchtern sind, muss ich von meinem Leben erzählen. Sie schütteln den Kopf, als ich von Indien und meinen Meetings erzähle und sind mit mir traurig, als sie  von Anna-Sophie erfahren. Aber schon bald helfen die vielen Biere und wir sind beim alten Ton angekommen. Max und Sven rauchen nicht und so fällt es auch mir relativ leicht, es zu lassen. Nachdem mich Annelore wieder aufgebaut hat, habe ich gleich versucht, das Rauchen wieder aufzugeben, was mir erstaunlicherweise sehr leicht fiel, auch, weil ich ja nur wenige Tage wieder geraucht hatte.

<<Die Leute haben Geld dafür bezahlt, dass du ihnen Weisheiten erzählt hast?>>, will der schon recht angetrunkene Sven wissen.

<<Nun ja, es lief meistens auf Spendenbasis.>>, werfe ich ein, aber Max springt für mich in die Bresche.

<<Erinnere dich, Roman hat man auch in der Schule schon zugehört…>>, die anderen nicken. <<Und haben die meisten von uns sich nicht gewundert, dass er nicht mehr aus sich gemacht hat.>>

<<In die Politik!>>, ruft Simon dazwischen.

<<Kannst du immer noch machen.>>, greift Max den Faden auf.

<<Ganz ruhig Jungs, aber lasst mich doch erstmal zur Ruhe kommen, alles andere findet sich dann schon.>>, versuche ich dieses Gespräch zum Abschluss zu bringen.

<<He, und was ist mit Annelore?>>, will wieder Simon wissen und zwinkert mit dem Auge. Die anderen scheinen ihm beizupflichten.

<<Eine echt heiße Braut, wenn du mich fragst.>>, sagt Sven.

<<Ja, aber ich frage dich nicht, wenn ihr es denn unbedingt wissen wollt, sie ist wieder in Frankreich und studiert dort Politik und Soziologie.>>

Damit geben sie sich zufrieden und wir wenden uns allgemeineren Gesprächsthemen zu. An solch einem Abend in einer so kleinen Stadt trifft man immer Leute, wenn man unterwegs ist, und so wundert es mich kaum, dass wir auch Catrin begegnen. Sie freut sich aufrichtig, mich zu sehen und bleibt ein wenig zu lange in der Umarmung, als wir uns begrüßen. Sie sieht gut aus, hängt an meinen Lippen und würde gern mit uns gemeinsam weiterziehen, aber die Jungs wimmeln sie ab. <<Reiner Männerabend, tut uns leid.>>, rufen sie ihr nach.

Es wird ein bunter und lustiger Abend, der mir am nächsten Morgen zwar Kopfschmerzen, aber auch das Gefühl vermittelt, wirklich wieder zu Hause zu sein. An dem Tag besuche ich meine Eltern, die sich ebenfalls freuen mich mal wieder zu sehen. Ich erzähle ein wenig, esse gemeinsam mit ihnen und bin erstaunt, wie leicht das alles geht.

Ein paar Tage später habe ich meinen ersten Arbeitstag. Seit längerer Zeit arbeite ich wieder  mit meinem Körper und es ist harte Arbeit, aber man kommt dabei wenig zum Denken. Außerdem bin ich nach vier Stunden schon fertig und kann mir überlegen, was ich mit dem Nachmittag anfange. Der Buddha wurde der Legende nach als Prinz geboren und seinem Vater war geweissagt worden, dass sein Sohn entweder ein weltlicher Führer oder ein Asket, ein der Welt Entsagender werden würde. Das Letztere wollte der Vater des zukünftigen Buddha gerne vermeiden, also hielt er alles, was seinen Sohn an die Vergänglichkeit und das Leiden der Welt erinnern konnte, vor ihm verborgen. Selbst die herabgefallenen Blätter wurden nachts zusammengefegt und entfernt. Kurz vor seinem 21. Geburtstag machte Siddhartha nacheinander vier Ausfahrten, auf denen ihm Alter, Krankheit, Tod und ein Asket begegneten. Diese Erfahrungen sorgten dann dafür, dass er an seinem 21. Geburtstag seinen Palast, seine Frau und seinen neugeborenen Sohn verließ, um einen Zustand jenseits des Leidens, die Erleuchtung zu suchen. In unserer modernen Gesellschaft sind wir inzwischen so wie der Vater des Buddha. Auch wir versuchen, Alter, Krankheit und Tod zu verbannen, so dass wir diese Dinge nicht ansehen müssen und uns in der Illusion sicher fühlen können, dass diese Dinge nichts mit uns und unserem Leben zu tun haben. Menschen, die nach der Erleuchtung suchen, werden als Spinner oder Esoteriker verlacht und lächerlich gemacht. Nun hat mich das Schicksal aber an einen Ort geführt, an dem diese Dinge jeden Tag offensichtlich sind. Die alten Menschen sind pflegebedürftig, einsam, krank, leiden an Verwirrung und haben seelische und körperliche Schmerzen. Die meisten rechnen täglich mit dem Tod und einen Ausweg gibt es für keinen von ihnen und wie mir immer deutlicher klar wird, auch nicht für mich.

Fortsetzungsroman: Annelore, der Guru und die Liebe Kapitel 50

April 24, 2013

Nach meinem ersten Roman: „Bagwan, Lana und der Rest“ habe ich einen zweiten Roman „Annelore, der Guru und die Liebe“ geschrieben. Diesen möchte ich als regelmäßigen Fortsetzungsroman auf meinem Blog anbieten.

50. Kapitel: Verarbeitung

Annelore hat sich frei genommen und kann ein paar Tage bei mir bleiben und mit ihrer Hilfe und der Unterstützung von Hanna bekomme ich allmählich mein äußeres Leben wieder in den Griff. Ich werde nicht mehr ständig von Schuldgefühlen geplagt, habe aber auch nicht mehr das Verbundenheitsgefühl aus der Zeit vor dem Unglück. Im Grunde fühle ich mich, wie vor der Reise nach Indien. Annelore ist mir eine große Hilfe und ungern lasse ich sie nach Frankreich ziehen, aber sie muss Klausuren schreiben, ansonsten würde sie ein ganzes Jahr verlieren.

<<Besuch mich doch!>>, bietet sie mir an.

Ich zucke mit den Schultern und bringe sie zum Flughafen, von wo sie wieder aus meinem Leben verschwindet. Und ich bin wieder allein, allein, höre ich in meinem Inneren einen bekannten Song aus dem vergangenen Jahr oder so. Tatsächlich stellt sich mir nach Annelore`s Abflug die Frage, was ich nun mit meinem Leben anfangen soll. Mir ist sehr bewusst, dass ich kleinere Brötchen backen will, und dass ich etwas Bodenständiges brauche. Ich hole mir Rat von dem Menschen, der mich in der letzten Zeit am meisten erlebt hat und das ist meine Schwester Hanna. In langen Gesprächen, die natürlich nicht die spirituelle Tiefe haben, wie jenes mit Annelore in meiner Wohnung, die aber auch schon dieses Bodenständige haben, was ich suche, gehen wir diesen Punkten nach.

<<Ich könnte wieder in einer Buchhandlung arbeiten.>>, schlage ich ihr vor, aber sie hat eine ganz andere Idee.

<<Oder du machst eine Zeitlang wieder den Altenpfleger, da hilfst du Menschen und bodenständiger geht es ja kaum noch.>>

Bei diesen Worten von Hanna wird etwas in mir angestoßen und ich fühle, dass damit mein kommender Weg beschrieben ist. Ich komme auf die Idee, meine alte Chefin aus der Altenpflegestätte in Norddeutschland anzurufen.

Am nächsten Morgen tue ich genau das. Sie erinnert sich an mich, fragt, was ich so getrieben habe und freut sich, dass ich wieder in diesem Beruf arbeiten will. Ich gebe ihr klar zu verstehen, dass das nur eine Übergangslösung für mich ist, worauf sie sagt, dass ihr das bei mir immer schon klar war. Sie führt das dann noch weiter aus.

<<Ich habe Ihnen regelrecht angesehen, dass es sie noch woanders hintreibt, aber sie waren trotzdem mit Herz bei den Menschen und deswegen ist es für die Menschen und für sie gut, wenn sie hier wieder zurückkehren, für welche Zeitdauer auch immer.>>

Mit diesen Worten öffnet sie mir alle Türen, und das Beste hebt sie sich für den Schluss unseres Gespräches auf.

<<Sie können sofort hier wieder anfangen, wenn auch am Anfang nur in Teilzeit.>>

Ich sage sofort zu. Ich werde also wieder zurück gehen. Das Leben verläuft gern in Zirkeln und Kreisen und ich finde diese Entwicklung total passend. Außerdem habe ich vielleicht die Gelegenheit, an meine alten Freundschaften anzuknüpfen. Es ist zwar nicht unbedingt mein Traum, aber es wird mir helfen, wieder zu mir selbst zurückzufinden.

In den folgenden Tagen regele ich meine Sachen in Hannover, ich kündige die Wohnung und verabschiede mich von Britta und Monika, die nachdem ich ihnen alles erklärt habe, Verständnis für mein Verhalten und meine Entscheidung zurück in den Norden zu gehen zeigen. Am härtesten ist es einmal mehr, mich von Emil zu verabschieden, als aber Hanna ihm erklärt, dass sie mich besuchen können und ich nicht weit vom Meer wohne, beruhigt er sich. Da ich mich in der Stadt gut auskenne, in der ich so lange gewohnt habe, finde ich per Internet eine kleine, aber für mich, voll ausreichende Wohnung und schon bald ist alles soweit geklärt.